Teil 2 der Tageblatt-Serie „Leben mit Demenz“


Demenz: Wenn Vergesslichkeit zur Krankheit wird

 

 

LANDKREIS. Den Geburtstag eines Freundes des verschwitzt, den Regenschirm in der Bahn liegen gelassen – und wo ist schon wieder der Schlüsselbund abgeblieben? Vergesslichkeit kennt jeder. Doch wo hört Tüdeligkeit auf? Und wo fängt Demenz an?

Etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind dement. In Niedersachsen lebten im Jahr 2012 laut einer Schätzung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft etwa 144 300 Erkrankte. Heruntergerechnet ergibt das für den Landkreis Stade etwa 3664 Menschen mit Demenz – fast so viele, wie in der Gemeinde Apensen leben. Das Risiko an einer Demenz zu erkranken, steigt mit zunehmendem Alter. Und durch eine immer höhere Lebenserwartung wird auch die Zahl der Erkrankten weiter ansteigen.

Demenz ist der Oberbegriff für den fortschreitenden Abbau des Gehirns. Vergesslichkeit wird am häufigsten mit der Krankheit in Verbindung gebracht, ist aber nur ein Symptom von vielen. Und: Wer seine Lesebrille verbummelt oder mal einen Namen vergisst, muss nicht gleich zum Arzt. Vergisst ein Mensch jedoch nicht nur das, was für ihn neu ist, sondern fallen ihm auch Worte nicht mehr ein, verlernt er alltägliche Handlungsabläufe wie Anziehen oder Kochen und verändert sich obendrein noch sein Wesen, indem er beispielsweise teilnahmslos wird – dann kann dies auf eine Demenz deuten.

Wer den Verdacht hat, dass er von der Krankheit betroffen sein könnte, konsultiert den Hausarzt. Danach geht es weiter zum Facharzt, der eine genaue Diagnose stellen kann. Zu differenzieren, um welche Form der Demenz es sich handelt, ist wichtig, damit die Therapie darauf abgestimmt werden kann. Am häufigsten tritt das Alzheimer Syndrom auf. Etwa 70 Prozent aller Patienten mit Demenz sind davon betroffen. Hierbei sorgen chemische Umwandlungsprozesse für einen kontinuierlichen Abbau der Verknüpfungen von Nervenzellen.

Grob lässt sich der Verlauf von Alzheimer in drei Stadien einteilen. Zuerst spüren Patienten die Krankheit, wenn sie Lernschwierigkeiten haben, ihnen manche Worte nicht mehr einfallen oder sie Schwierigkeiten haben, sich zu orientieren. Im Schnitt dauert diese Phase drei Jahre. Gerade am Anfang können die Erkrankten die Symptome noch überspielen: Sie umschreiben die Begriffe, die ihnen partout nicht einfallen wollen, schieben die Schuld auf andere, wenn sie etwas verloren haben oder tun so, als würden sie ihrem Gegenüber absichtlich Spitznamen geben, wenn ihnen eigentlich der Name nicht mehr einfällt.

Im mittleren Stadium sind das logische Denken des Alzheimerpatienten eingeschränkt und die Wortfindungsstörungen stärker ausgeprägt. Komplexe Handlungen, wie einen Pullover anzuziehen oder Staubsaugen, werden unmöglich. Auch räumliche Desorientiertheit setzt ein: Es klingelt, und der Alzheimerpatient geht in die Küche, weil er das Geräusch nicht mehr mit Besuch an der Haustür in Verbindung bringt. Im mittleren Stadium sind die Patienten häufiger aggressiv.

In der schweren Phase, die im Durchschnitt nach weiteren drei Jahren erreicht wird, sind viele Patienten depressiv. Sie können sich kaum noch sprachlich mitteilen, sind inkontinent und stark pflegebedürftig. Beim Essen steigt das Risiko, dass sich die Patienten verschlucken und ersticken. Ihr Tag-Nacht-Rhythmus ist gestört: Sie sind tagsüber schläfrig und werden erst nach Sonnenuntergang aktiv. In der Medizin wird dieses Phänomen daher auch als „Sundowning“ bezeichnet, abgeleitet vom englischen Begriff für Sonnenuntergang.

Die zweithäufigste Form der Demenz ist die vaskuläre Demenz, die bei etwa 20 Prozent der Fälle auftritt. Sie wird durch Durchblutungsstörungen im Gehirn hervorgerufen. Die Symptome können denen von Alzheimer ähneln, lassen sich in ihrem Verlauf und Ausmaß aber nicht so genau voraussagen.

Die übrigen zehn Prozent der Patienten sind an anderen Demenzformen erkrankt. Hierzu gehört beispielsweise das sogenannte Korsakow-Syndrom, das vor allem bei Alkohol- und Drogenabhängigen im Zuge der Vergiftung auftritt. Die Krankheit Morbus Pick betrifft häufig Frauen um die 40. Das Spektrum der Symptome reicht hier von Apathie bis zur völligen Enthemmung, bei der die Patienten ihre Triebe nicht mehr unter Kontrolle haben.

Vorbeugung vor Demenz gibt es nicht. Auch Menschen, die in ihrem Leben vieles gelernt haben, sind von der krankhaften Vergesslichkeit nicht geschützt – es fällt nur später auf. Der Neurologe Professor Dr. Manfred Spitzer erklärte es beim Jahresempfang der Sparkasse-Harburg Buxtehude so: „Unser Gehirn hat keine Festplatte, aber hundertmillionen Nervenzellen, die, je mehr sie benutzt werden, sich mehr erneuern.“ Bei Menschen, die ihr Gehirn trainieren, indem sie zum Beispiel mehrere Sprachen sprechen, werde der demenziell bedingte Abbau später spürbar.

Nichtsdestotrotz: Hat der Abbauprozess des Gehirns erst einmal eingesetzt, lässt er sich nicht mehr aufhalten. Die Therapiemaßnahmen, von Logopädie bis hin zu Medikamenten, können den Krankheitsverlauf nur verlangsamen, aber nicht umkehren.

 

Tageblatt, 26.04.2016

 

Autor: Catharina Meybohm
 

 

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