Teil 3 der Tageblatt-Serie „Leben mit Demenz“


Demenz: Wenn Hündin Loki ins Seniorenheim kommt

 

 

BUXTEHUDE. Sie wirken teilnahmslos, starren ins Leere. Ihre Gedanken kreisen um Dinge, die bereits Jahrzehnte zurückliegen. Die Bewohner des gerontopsychiatrischen Fachbereichs im Seniorenheim Waldburg sind hochgradig dement.

Alle zwei Wochen holen Angelika Knoefel und ihr Besuchshund Loki sie ein Stück zurück in die Gegenwart.

Wenn Hündin Loki die Bewohner des Seniorenheims Waldburg in Buxtehude besucht, geht sie zur Begrüßung der Reihe nach auf jeden zu. Ihr Frauchen Angelika Knoefel weicht ihr dabei nicht von der Seite. Die siebenjährige Besuchshündin wedelt mit dem Schwanz, wenn die Senioren sie streicheln – vor allem, wenn es dazu noch ein Leckerli gibt. Weniger selbstverständlich als die Reaktionen des Tieres sind die der Bewohner: Sie lachen, rufen Loki zu sich und verfolgen aufmerksam die Bewegungen des Hundes. Die Momente mit Loki scheinen die Senioren sehr bewusst wahrzunehmen – obwohl sie hochgradig dement sind.

14 Bewohner leben in dem gerontopsychiatrischen Fachbereich der Waldburg, der speziell auf die Bedürfnisse Demenzkranker ausgerichtet ist. „Pro Schicht sind drei Mitarbeiter im Einsatz“, sagt die Leiterin des Wohnbereichs, Ines Ottens. Ein demenzkranker Mensch, erklärt sie, verliert nach und nach immer mehr seines Kurzzeitgedächtnisses. Dadurch geht er stetig weiter in der Zeit zurück und arbeitet Dinge aus der Vergangenheit auf. Außerdem sind die schwerdementen Bewohner stark desorientiert. Gleichzeitig weisen sie eine starke Weg- beziehungsweise Hinlauf-Tendenz auf. Das bedeutet, dass sie angetrieben durch eine innere Unruhe dazu neigen, davonzulaufen. Um dies zu verhindern, sind sämtliche Türen des Wohnbereichs mit Vorhängen verdeckt. „Ein Demenzkranker vermutet dahinter keine Tür“, erklärt Ottens.

Die erneut durchlebte Vergangenheit erscheint den Demenzkranken real. „Unsere Aufgabe ist es, die Menschen da abzuholen, wo sie gerade stehen“, sagt Ottens. Ein Bewohner etwa frage immer wieder, wann ihn seine Mutter besuchen komme; eine Bewohnerin warte darauf, von ihren Familienmitgliedern zurück nach Hause gebracht zu werden. „Ihnen zu erzählen, dass die Mutter unmöglich 120 Jahre alt sein kann oder dass der Kontakt zur Familie vor Jahren abgerissen ist, würde sie nur verwirren“, erklärt die Leiterin des Wohnbereichs. Der Tagesablauf der Bewohner ist durchgeplant und ritualisiert, feste Strukturen und Wiederholungen vermitteln Sicherheit. Dennoch sind sie durch die Symptome stark von ihrem sozialen Umfeld isoliert. Demenz macht einsam.

Alle zwei Wochen besucht Knoefel mit Loki für etwa eine Dreiviertelstunde die Bewohner des gerontopsychiatrischen Fachbereichs. „Die Anwesenheit von Loki bewirkt unheimlich viel“, erklärt die 64-Jährige. „Man kann richtig sehen, wie sie diese Zeit aus ihrer Lethargie herausholt.“ Wenn Loki mit ihnen kuschelt und spielt, beginnen die Bewohner zu lächeln und werden deutlich entspannter. „Und das Wichtigste: Das Gefühl der Einsamkeit ist weg, wenn sie mit dem Hund zusammen sind“, sagt Ottens.

Den Anstoß, mit ihrer Hündin etwas für ältere Menschen zu tun, kam Knoefel vor drei Jahren beim Gassigehen. „Es kam öfter vor, dass Menschen mit Rollator positiv auf Loki reagiert haben“, erzählt sie. „Mir war klar: Da musst du etwas machen.“ Im Internet stieß sie auf eine Trainerin aus Schleswig-Holstein, bei der man einen Besuchshundeschein machen kann. Loki und ihr Frauchen absolvierten drei Wochenendseminare, gingen mit der Trainerin zu Menschen mit psychischen Erkrankungen oder zu Wachkomapatienten. Außerdem lernte Knoefel, welche Voraussetzungen sie für den Einsatz im Seniorenheim schaffen musste, von der Hunde-Haftpflichtversicherung bis zur Hygiene.

Der Buxtehuder Lions-Club „Franziska von Oldershausen“ unterstützt den Einsatz von Loki und bezuschusst die Kosten für das Futter. Darüber hinaus hat der Club 2014 ein Förderprojekt für den Einsatz weiterer Besuchshunde gestartet. Im Frühjahr 2015 nahmen fünf Frauen mit ihren Hunden das Training auf und sind seit September in verschiedenen Seniorenheimen in Buxtehude im Einsatz. Dort besuchen sie nicht nur schwer an Demenz Erkrankte, sondern auch Senioren, die ansonsten keinen Besuch bekommen.

Die Aus- und Weiterbildungskosten von bis zu 1000 Euro pro Hund stammen aus den Einnahmen der jährlich stattfindenden Osterei-Aktion des Lions Clubs. „Uns lag es schon lange am Herzen, etwas für Senioren zu tun“, sagt Susanne von Arciszewski vom Lions Club. „Und beim Verkauf der Ostereier kam die Aktion so gut an, dass viele Menschen freiwillig mehr gespendet haben.“ Auch die Rückmeldungen der Seniorenheime und von den Hundehaltern seien durchweg positiv, berichtet sie.

Nicht aber jeder Hund eignet sich für den Einsatz als Besuchshund. „Das Tier muss stressresistent sein“, sagt Knoefel. Gerade älteren Menschen passiere es leicht, dass sie aufgrund von Erkrankungen versehentlich fest zupacken. „Der Hund muss das aushalten.“ Der Halter muss wiederum aufpassen, dass der Hund den Senioren nicht wehtut oder die Bewohner in Ruhe lässt, die keinen Kontakt möchten.

Knoefel hat in ihrer Familie bereits Erfahrung mit Demenzpatienten gemacht. Trotzdem sei sie am Anfang unsicher gewesen, ob sie die Besuche aushalten kann. Heute ist sie stolz darauf, wenn sie mit ihrer Hündin Loki den Bewohnern des Seniorenheims in Buxtehude ein Stück Geborgenheit geben kann.

 

Tageblatt, 28.04.2016

 

Autor: Catharina Meybohm
 

 

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